„Eine demenzfreundliche Trauerrednerin“ – was soll das denn sein…? 

Stellen Sie sich vor, Ihre Mutter ist gestorben, Ihr Vater lebt noch. Doch er ist dement und wenn er Sie noch erkennt, dann sind Sie schon froh. Wie sollen Sie nun umgehen mit dem Thema „Nehmen wir Papa zur Trauerfeier für Mama mit oder nicht?“ 

Keine leichte Entscheidung. Denn da sind Fragen und Ängste: „Begreift Papa überhaupt, worum es geht? Was, wenn er mitten in der Trauerfeier aufsteht und nach Hause will? Oder anfängt Unsinn zu erzählen? Oder aggressiv wird? Mein Gott, das wäre ja peinlich… Vielleicht lassen wir ihn doch lieber zu Hause. Aber wie können wir ihm denn klarmachen, dass Mama tot ist…?“ 

Wie bin ich dazu gekommen, demenzfreundliche Trauerrednerin zu werden? Nicht aus Versehen, sondern aus bitterer eigener Erfahrung. Wobei es da nicht einmal um eine Trauerfeier ging, sondern um meine Hochzeit 2019. Meine dritte Ehe. 

Meine Mutter war damals 87 und schon so dement, dass sie mir in der Öffentlichkeit oft peinlich war. Wenn sie im Kino in die Popcorn-Tüte des Sitznachbarn griff. Wenn sie im Theater laute Kommentare abließ. Wenn sie zum 100sten mal rief „Wir müssen los, der Hafengeburtstag fängt gleich an!“, obwohl sie schon seit Jahren in Bayern im Heim lebte…

Was, wenn sie sich auch auf meiner Hochzeit „daneben benehmen“ würde? Meine Frau versuchte mir Mut zu machen, damit ich meine Mutter nicht von der Hochzeit ausschließe, aber ich blockte ab. Immer mit dem Argument „Sie checkt das doch eh alles nicht mehr“. Dabei wollte ich bloß nicht zugeben, dass ich Angst hatte, meine Mutter könnte die Hochzeit mit Peinlichkeiten sprengen… Also blieb Mama an unserem großen Tag im Heim… Mein schlechtes Gewissen aber klebte an mir wie Dreck am Spaten…

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Inzwischen ist meine Mutter gestorben. Vielleicht hätte sie auch durch die Teilnahme an der Hochzeit nicht mehr „gewußt“, was das für eine Veranstaltung war. Aber sie hätte es gespürt. Denn „das Herz wird nicht dement“, wie es in dem gleichnamigen sehr empfehlenswerten Buch heißt. 

Ich habe ihr mit meiner Weigerung, sie als demenzkranke Frau an einem wichtigen Familienereignis teilhaben zu lassen, ein wichtiges Gefühl, eine wichtige Erfahrung vorenthalten. Und mir auch, denn sie war, Demenz hin oder her, doch meine Mutter. Nicht immer einfach, manchmal sehr anstrengend – auch ohne Demenz – aber eben meine Mama. 

Als ich las, dass es jetzt in Deutschland die erste Weiterbildung zur „demenzfreundlichen Trauerrednerin“ gibt, da war mein erster Gedanke „Wenn ich schon nicht in der Lage war, meine Mutter zu so einem schönen Ereignis wie einer Hochzeit mitzunehmen – wie schwer muss es für Angehörige dann erst sein, sich zu trauen, ihre dementen Familienmitglieder zu einer Trauerfeier mitzunehmen?“ 

Weil die Familien nicht wissen, was sie erwartet. Weil sie nicht wissen, wie sie den Abschied so gestalten können, dass es für alle passt. Weil sie niemanden haben, der sie ermutigt, ihre Lieben dieses wichtige Ereignis spüren zu lassen. „Er-leben“ zu lassen. Weil auch Trauer zum Leben gehört und das Vorenthalten des Abschieds kein „Schonen“ ist, sondern nur ein Ausweichen… 

Eine demenzkranke Witwe sagte am Tag nach der Trauerfeier: „Ich weiß nicht mehr, was gestern war. Aber es fühlt sich gut an…“ Dieses gute Gefühl möchte ich mit meiner Arbeit ermöglichen. Nicht nur dem dementen Menschen. Auch seiner Familie, die sich später nicht vorwerfen muss, ihm dieses „Abschiednehmen mit dem Herzen“ verweigert zu haben. Aus Angst, aus Scham und vor allem aus Unwissenheit. Denn es gibt auch hier, wie so oft im Leben, keine zweite Chance…

In Deutschland leben aktuell 1.650.000 Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Das sind soviele Menschen wie Hamburg Einwohner hat. Und es werden immer mehr. Sie sind  im Kopf nicht mehr ganz klar. Im Herzen aber immer.

Ich habe diese qualifizierende Weiterbildung gemacht und bin sehr glücklich, nun eine der ersten vier demenzfreundlichen TrauerrednerInnen in Deutschland zu sein. Nun kann ich demenzkranken Menschen und ihren Familien den bestmöglichen Abschied von einem verstorbenen Herzensmenschen ermöglichen.

Trauen Sie sich, rufen Sie mich an oder schreiben Sie mir. Auch wenn der eigentliche Todesfall  noch gar nicht eingetreten ist, Sie aber vorher schon Information brauchen, wie der Abschied auch mit „Honig im Kopf“ gelingt.

Ich freue mich auf Sie,

Ihre demenzfreundliche Trauerrednerin

Franziska Lüttich